“Ein wichtiges, wertvolles, interessantes und sympathisches Buch!” … – Dr. Eva Bilhuber Galli auf ManagementWissen Online

Dr Bilhuber Galli, Management und Unternehmensberaterin, gibt ihre Meinung zum Buch

Zusammenfassung Inhaltsübersicht
Das Buch befasst sich mit Emotionen im Unternehmen und wie man erfolgreich und sinnvoll mit ihnen umgehen kann.

Teil 1 – Begriffe und Bedeutung: Im ersten der vier Teile werden mit Bezug zur Theorie zunächst die Begriffe Emotionen, Gefühle und Stimmungen geklärt. Anhand vieler eingängiger Beispiele wird im Anschluss die Bedeutung von Emotionen für Unternehmen, vor allem für Veränderungsprojekte beschrieben.

Teil 2 – Emotionale Viren: Im zweiten Teil wird die Metapher der emotionalen Viren eingeführt. Damit wird verdeutlicht, dass sich emotionale Prozesse wie virale Prozesse im Unternehmen verhalten. Wird eine solche Synergiespirale negativer Emotionen in Gang gesetzt, entfaltet sie eine äußerst destruktive Wirkung, die auch das Überleben eines Unternehmens gefährden kann Dabei unterscheiden die Autoren fünf verschiedene Kategorien von emotionalen Viren: Machtkonflikte, Werte- und kulturelle Konflikte, Unsicherheit, Befürchtungen und Ängste, Vorgehensweise und Rahmenbedingungen der Veränderungsinitiative, und zerplatzte Gewissheiten und Träume. Können sich diese Viren in der Organisation verbreiten, kommt dies einer “mentalen Verschmutzung” des Unternehmens gleich. Wie aber geht man mit solch einer mentalen Verschmutzung im Unternehmen am besten um? Die Autoren weisen darauf hin, dass dem limbischen System des Unternehmens (wie auch dem des Individuums) grundsätzlich am besten auf emotionaler Ebene zu begegnen ist. D.h. mit Bildern, Visualisierungen, Symbolen, Geschichten, Ritualen, Malen, Humor, Musik, Theater, etc. Rationale, rein sachliche Worte sind hier eher kontraproduktiv.

Teil 3 – Emotionale Viren aufdecken und behandeln: Der dritte Teil des Buches befasst sich dann mit den Möglichkeiten, wie kollektive Emotionen bzw. die “immaterielle Realität” im Unternehmen aufgedeckt, strukturiert und behandelt werden kann. Als zwei wesentliche Instrumente zur Aufdeckung werden einerseits semistrukturierte Mitarbeiterinterviews und das Mentalmerger-Barometer™ vorgeschlagen. Im Rahmen von Gruppenveranstaltungen werden dabei die Teilnehmer aufgefordert, die Wahrnehmung der Kooperation mit einer anderen Abteilung auf einer 4-Felder-Matrix mit Hilfe einer Punkte-Abfrage einzuschätzen. Dabei wird auf der einen Achse die wahrgenommene Motivation der Zusammenarbeit (“müssen” oder als “wollen”) abgefragt, während auf der anderen Achse die Effizienz (energieraubend oder energiespendend) eingeschätzt wird (S. 169 ff.). Auf diese Weise kann man die Wahrnehmungen von verschiedenen Abteilungen visualisieren und greifbar machen, die Gründe dafür gemeinsam erörtern und diesen dann begegnen. Das Barometer markiert gleichzeitig den Beginn eines 3-stufigen Interventionsprozesses. Dieser wird mit den Phasen Syndrom (Bestandsaufnahme), Syntonie (Human Integration) und Synergie (Nachhaltigkeit implementieren) beschrieben. In der Phase der Syntonie geht es darum, die verschiedenen Akteure mit Hilfe von Integrationsworkshops “in Gleichklang zu bringen”. Dabei werden die “Viren” entlarvt und klar benannt und gleichzeitig ihr Counterpart – die “Energizer” – gesucht, die für die Transformation in eine Positivspirale verantwortlich sind. Regelmäßige Reviews mit dem Mentalmerger-Barometer als auch der Einsatz eines Supervisionsgremiums sollen in einem dritten Schritt die Nachhaltigkeit gewährleisten.

Teil 4: Das mental starke Unternehmen: Im vierten, letzten und kürzesten Teil des Buches wird die Blickrichtung von der Intervention zur Prävention gewechselt. Im Fokus steht nun die Frage, wie das Immunsystem des Unternehmens so gestärkt werden kann, dass emotionale Viren erst gar nicht entstehen und das Unternehmen somit gar nicht erst in den Strudel “mentaler Verschmutzung” gerät. Denn wenn ein Unternehmen von der positiven Synergiespirale von Emotionen erfasst wird, ist es in der Lage, seine kollektive Intelligenz erfolgreich zu nutzen, sich selbst kontinuierlich zu erneuern und Innovationen hervor zu bringen. Die Bedingungen der Nutzung kollektiver Intelligenz sind somit gleichzeitig auch die Prävention, dass emotionale Viren entstehen: Mitarbeiter systematisch in neuen Netzwerken zusammenschließen und zur Kooperation motivieren, als auch die Vielfalt fördern und nicht ausgrenzen.

Rezension
“Endlich!” sage ich mir, als ich den Titel des Buches lese. Endlich beschäftigt sich mal jemand in systematischer Weise mit emotionalen Prozessen im Unternehmen auf kollektiver Ebene. Nach meiner Enttäuschung beim letzten Buch Emotionomics mache ich mich erneut mit großer Neugier ans Lesen, um vielleicht diesmal etwas ableiten zu können, wie man Emotionen aus strategischer Sicht begegnen kann. Das Geleitwort der unangefochtenen Koryphäe für kollektive Intelligenz, Prof. Dr. Peter Kruse, schürt große Erwartungen bei mir.

Und in der Tat gelingt es den Autoren aus meiner Sicht, das Thema der Emotionen auf kollektiver Ebene fundiert und gleichzeitig praxisnah zu beschreiben. Was mir besonders gefällt, ist, dass die Autoren versuchen, über einen reinen Erfahrungs- und Praxisbericht hinaus, das Thema kollektive Emotionen systematisch zu beleuchten und zu erfassen.
Besonders hilfreich finde ich die Metapher der emotionalen Viren selbst, die mir für die Argumentation bei Unternehmen, Management und Mitarbeitern sehr gut anwendbar erscheint.

Das Mentalmerger-Barometer™ finde ich besonders interessant, weil es eine interessante Möglichkeit darstellt, die emotionale Realität der Beteiligten im Unternehmen zu erheben, zu visualisieren und zu besprechen. Wie man daraus allerdings auf die emotionalen Viren zurückschießt bleibt für den Leser im Verborgenen.

Grundsätzlich fand ich die immer wieder eingeschobenen Praxisfälle sowie auch die Beschreibung von konkreten Interventionsmaßnahmen sehr spannend. Vor allem, weil sie gepaart waren mit Verweisen auf Hintergrundinformationen aus der Forschung. Das ist auch, was das Buch für mich insgesamt auszeichnet: Eine charmante Verbindung zwischen leichtflüssiger Praxislektüre mit fachlich konzeptioneller Tiefe.

Wenn es etwas auszusetzen gibt, dann ist das vermutlich auf der Praxisseite am ehesten der etwas einseitige Fokus auf Post-Merger-Integrationen im interkulturellen Kontext. Dem erfahrenen Organisationsentwickler wird es schwerfallen bei den Interventionsmöglichkeiten etwas Neues zu entdecken. Die Verwendung des Structogramms im Rahmen der Workshops erscheint einem fast ein wenig widersinnig, da das Thema damit doch wieder auf das einzelne Individuum zurückgeholt wird. Auf der konzeptionellen Seite kommt einem die Verwendung von Begrifflichkeiten manchmal etwas inkonsistent vor (es wird z.B. nicht von “emotional” verschmutzten sondern “mental” verschmutzten Unternehmen gesprochen). Fragen werfen bei mir persönlich auch die Kategorisierung bzw. Abgrenzung der emotionalen Viren auf, die aus meiner Sicht viele Überschneidungen aufweist.

Dennoch mindert dies nicht den Gesamtwert des Buches und es kann m.E. den Autoren nicht hoch genug angerechnet werden, dass sie diesen Versuch der Konzeptualisierung von kollektiven Emotionen in praxisnaher Weise unternommen haben. Und dafür zolle ich ihnen höchsten Respekt. In der von mir aufgeworfenen Frage nach einer strategischen Sichtweise auf das Thema Emotionen bin ich zumindest einen kleinen Schritt weiter gekommen. Denn am Ende des Buches wird die Frage, was man eigentlich von vornherein tun kann, um zu vermeiden, das emotionale Viren im Unternehmen überhaupt entstehen, wenigstens kurz gestreift. Der Kriterienkatalog von mental-gesunden vs. mental schwachen Unternehmen (S. 273) kann hier einen guten Ausgangspunkt markieren, den es weiter zu verfolgen gilt.

Fazit
Ein wichtiges, wertvolles, interessantes und sympathisches Buch, gut lesbar und kurzweilig geschrieben, mit einer guten Balance zwischen Forschungs- und Praxisbezug. Aus meiner Sicht gehört dieses Buch in die Bibliothek eines jeden Beraters, Organisationsentwicklers oder Change Managers – aber noch viel wichtiger, in die Bibliothek eines jeden Managers. Aber auch hier gilt: Das Lesen dieses Buches wird Profis mit umfassender Erfahrung in diesem Bereich nicht ersetzen können. Denn mein Fazit ist auch dasjenige, welches die Autoren an diversen Stellen in ihrem Buch betonen: Ob es gelingt, emotionale Viren effektiv zu behandeln, hängt am Ende immer von der Qualifikation und Erfahrung der Berater ab.

MWonline zur Verfügung gestellt von Dr. Eva Bilhuber Galli -

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